Über die Auswanderung

 

 

Das neunzehnte Jahrhundert war die Zeit der großen Auswanderungswellen nach Amerika. Viele junge Menschen sahen dort eine rosigere Zukunft für sich und ihre Familien. Auch die WILDINGs waren davon betroffen und Mitglieder aller Clans machten sich auf den Weg gen Westen. Niemals zog man aber alleine aus, um sein Glück zu finden. In der Regel nahmen die Glücksritter zumindest ihre Partner (selten war das bereits die Ehefrau) mit, gelegentlich machten sich aber auch Geschwister auf den Weg.

 

Quellen der Auswanderung

 

Die Laienforschung der LDS (The Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints, gemeinhin auch als Mormonen bezeichnet) ist hier ausnahmsweise nicht die erste Anlaufstelle. Da dort in der Regel nur einzelne Ereignisse abgebildet sind, findet sich in der Regel zu niemandem eine komplette Übersicht zu Geburt – Taufe – (Auswanderung) – Heirat – Tod.

 

Hier helfen Passagierlisten weiter. Damals wie heute wurde für jedes Schiff, das von Europa nach Amerika fuhr, eine solche Liste angelegt. Viele dieser Listen sind heute noch vorhanden und gegen eine geringe Gebühr kann jeder diese Dokumente im Internet z.B. bei ancestry.com einsehen und als Bilddatei abspeichern.

 

Desweiteren sind hier weitere unterstützende Quellen hinterlegt, die für die weitere Forschung sehr nützlich sind: Der Naturalization Index (Einbürgerungsregister) kann für die Bestätigung einer Emigration hinzugezogen werden, die umfangreiche Census Sammlung bieten Startpunkte für die weitere Entwicklung der Familien in den USA.

 

Auswanderer der WILDING Familien

 

Um den Überblick über die Auswanderungen zu behalten muss man sie ein wenig sortieren. Ein mögliches Ordnungsprinzip könnte die Chronologie der Auswanderungen sein. Ein anderes die Familienzugehörigkeit. Letzteres erscheint in diesem Zusammenhang das sinnvollere zu sein und wird hier verwendet. Um die verschiedenen Familien mit dem Namen WILDING zu unterscheiden, schaut man sich am besten zunächst mal die Konfessionen an. So gibt es mindestens einen katholischen, einen evangelischen, einen deutsch-reformierten und einen lutherischen Clan. Anhand dieser Unterteilung werden im Folgenden die bisher bekannten Auswanderungen vorgestellt.

 

Die lutherischen WILDINGs in Sizilien

 

Mit am besten dokumentiert ist– vor allem durch ihre politische und öffentliche Bedeutung – die Auswanderung der WILDING VON KÖNIGSBRÜCK. Bemerkenswert ist aber vor allem, dass dieses, ursprünglich aus Lüneburg stammende, Geschlecht nicht in die USA sondern nach Süditalien zog. Das erste Mitglied, das diesen Weg nahm, war Georg Wilhelm Karl WILDING. Er kam als Angehöriger der Englisch-Deutschen Armee nach Sizilien und wurde verletzt in das Haus des Fürsten von Butera und Radali aufgenommen. Dort verliebte sich die 22 Jahre ältere Tochter des Herrn, die Principessa Caterina DI BRANCIFORTE, in den jungen Offizier und es kam zur Hochzeit über die zu lesen ist:

„Großes Aufsehen erregte um diese Zeit noch die Vermählung eines Lieutenants Wilding, von der königlich-deutschen Legion, mit der Fürstin Butera, einer der reichsten Damen im Königreiche. Ihr altes Geschlecht, sagte man, reiche über tausend Jahre in die Vorzeit hinein. Wilding war ein armer, aber ganz hübscher Grenadier-Offizier von athletischer Gestalt. Die Fürstin hatte für die vielen Jahre, welche sie älter als ihr Liebling war, sich die volle Jugendgluth der  Sicilianerin im Inneren bewahrt. (...)

dem deutschen Lieutenant wurde kein günstiges Horoskop gestellt. Indessen die bescheidene Mäßigung, womit er sich in sein Glück zu finde wusste, der feste Ernst, mit der er Gluth und Leidenschaft seiner Gemalin in Bahnen zu lenken verstand, die lebenverlängernd Beiden zum höchsten Segen ausschlug, gaben seinem Schicksale eine Wendung (...). Der heilige Januaris-Orden war das erste Gnadenzeichen seines neuen Königs, als die hohe Gemahlin den Lieutenant Wilding am Hoflager zu Palermo vorstellte, wo man anfänglich etwas sehr überrascht that. Als alleiniger Erbe des ungeheueren Vermögens des alten Hauses Butera, die Brust mit den Orden der mehrsten Potentaten von Europa geschmückt, als neapolitanischer Fürst, Grande des Reiches, mit dem Prädikate Durchlaucht, wurde er vor einigen Jahren am hannoverschen Hofe empfangen, als er mit seiner Gemalin in die deutsche Residenz kam, um seine alte Mutter, früher eine unbekannte Witwe, und seine übrige Verwandtschaft mit einem herzlichen Besuche dort zu erfreuen. WILDING, Fürst Butera, muß sich im Innern wahrhaft behaglich bei dem Gedanken fühlen, dass an seinem großen Glück keinerlei Leidenschaft von seiner Seite einigen Antheil hat.“[1]

 

Auch wenn es sich hier um subjektive Ansichten handelt, bekommt man doch zumindest ein Bild des neuen Fürsten Butera, der diesen Titel nach dem Tod seines Schwiegervaters annahm. Er war weiterhin neapolitanischer Gesandter in Paris, London und St. Petersburg.

 

Nach dem Tod seiner Ehefrau ehelichte WILDING im Jahr 1836 die Prinzssin Varvara Petrovna Schakovskoj, genannt „Barbe“. Keine der beiden Ehen war mit Nachkommen gesegnet. Ursprünglich sollte sein jüngster Bruder Gottfried als Universalerbe sein Erbe antreten, aber Gottfried starb bereits 1827, daher ging der Fürstentitel nach dem Tod Georgs – er starb im Jahr 1841 – an seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Ernst Wilhelm über. Der sich auch in Kunst und Wissenschaft sicher bewegende Ernst folgte seinem Bruder nach Sizilien, wo er schon früher als Gast Zuhause war. Russeger beschreibt bereits 1838 seine erste Begegnung mit dem Bruder des Fürsten:

„Butéra, der Stammsitz der gleichnamigen Fürsten, lag uns zur Rechten auf dem Gebirge und vor uns auf dem Felsenvorsprunge eines kleinen Vorgebirges Falkonara, ein Gut der Fürsten von Butéra. Um letzteres möglichst bald zu erreichen, da gerade ein neuer Regensturm sich erhob, setzten wir unsere Maulthiere in schnellsten Galopp. Das nächste Oekonomiegebäude bot uns Schutz und mir noch mehr, denn kaum war ich abgestiegen, so trat ein Mann ein, in welchem ich nach wenigen Worten den Bruder des damaligen Fürsten v. Butéra, den englischen Major WILDING aus Hannover kennen lernte. An die Fortsetzung der Reise war natürlich für den Augenblick nicht zu denken, denn WILDING nahm mich so freundlich auf und der Umgang mit ihm, der mit vielseitiger Bildung die genaueste Landeskenntniss verbindet, war für mich so anziehend, dass ich auch den folgenden Tag hier blieb.“[2]

 

Die evangelischen WILDINGs in Texas...

 

Am 6. März 1854 kam Heinrich August WILDING als drittes von sechs Kindern des Ehepaars Heinrich Christoph WILDING und Johanna Magdalena REX in Tennstedt zur Welt. Er hat – wie Vater und Großvater – den Beruf des Schuhmachers gelernt.

 

Im Alter von 25 Jahren ist er dann, gemeinsam mit seiner späteren Frau Margaret Marie MEYER und dem einjährigen Sohn Ernst Ludwig, nach Amerika ausgewandert. Über die Gründe kann man natürlich nur spekulieren, aber am ehesten waren es wohl die „üblichen“ Gründe: Neugierde, Hoffnungen, ... Dennoch war es zu der Zeit noch nicht wirklich gesellschaftlich sanktioniert, dass ein unverheiratetes Paar ein gemeinsames Kind hatte und auch, dass die Frau die ältere war, war alles andere als üblich. Auch das könnten natürlich Gründe für den Fortgang sein.

Da es keine Hinweise darauf gibt, dass sich die junge Familie von Hamburg aus auf den Weg machte, bleibt der erste Teil ihrer Reise zunächst noch im Dunkel. Sicher ist, dass sie in Glasgow (Schottland) oder Larne (Irland) an Bord der „State of Indiana“ ging, einem Schiff der State Line Steam Ship Company, die am 6. August 1879 in New York einlief. Dort unterschrieb der Zahlmeister des Schiffs – John W. SADLER – die Papiere und übergab sie an den Mitarbeiter des New Yorker Zollbezirks bevor die Passagiere von Bord durften. Es bleibt zu hoffen, dass sich sein Schwur, dass alle Angaben richtig und vollständig waren, nicht als Bumerang für ihn erwiesen hat, denn weder waren August WILDING und Margaret MEYER zu dem Zeitpunkt verheiratet, noch waren sie wie angegeben Russischer Herkunft. Handelt es sich bei letzterem zwar wahrscheinlich nur um einen Lesefehler eines Mitarbeiters von The Generation Network, Inc. ist ersteres nachweislich falsch. Geheiratet wurde dann aber nur einen Tag später auf Ellis Island. Ich nehme an, dass es beiden ein Symbol sein sollte.

 

In den USA wird in regelmäßigen Abständen ein Census, also eine Art Volkszählung, durchgeführt. In der Zeit, in der die WILDINGs nach Amerika kamen, wurde der Census in einem 10-jährigen Turnus erhoben. Auch wenn das bedeutet, dass die weitere Reise der WILDINGs damit eigentlich ziemlich gut abgedeckt sein müsste, ist festzustellen, dass es 21 Jahre lang keinerlei Lebenszeichen der Familie gegeben hat. Erst im Census von 1900 tauchen sie wieder auf, als Einwohner des Precinct No. 1 des Waller County in Texas. Der Precinct lag wahrscheinlich rund um das Örtchen Hempstead. Waller County liegt heute kurz vor Houston in der Verlängerung des Northwest Freeway. Zu dieser Zeit lebte der älteste Sohn Ernst WILDING nicht mehr im Haushalt. Allerdings waren zwischenzeitlich die Söhne Ferdinand Seth (geb. 1882) und Earnest (geb. 1885) sowie die Töchter Adele (geb. 1888) und Minnie Marie (geb. 1893) geboren.

 

Bislang verliert sich leider hier die Spur dieser Familie und auch, wenn im Großraum Houston noch heute einige WILDINGs leben, gibt es derzeit keinen Hinweis darauf, dass sie von diesem Einwandererpaar abstammen. Hoffnung besteht aber, da nicht nur von der ältesten Tochter, Adele, die Hochzeit mit einem Samuel Farquhar HARRIS dokumentiert ist, aus der wiederum vier Kinder hervorgingen, sondern auch zu den beiden ältesten Söhne (Ernst und Ferdinand Seth) und auch die jüngste Tochter Minnie Marie) sind Partner und einige Kinder registriert, so dass in der Summe derzeit ca. vierzig Nachfahren des August WILDING aus Tennstedt bekannt sind.

 

Neben Heinrich August WILDING zog es aber noch andere WILDING Nachfahren in die Neue Welt. Der erste mir überhaupt bekannte Auswanderer aus einem WILDING-Clan war Johann Christian HARTUNG aus Schallenburg, Enkel der Christiana Dorothea WILDING, die ihrerseits die Tochter des Johann Cyriacus, des 4. Kindes von Hans WILDING und Ursula THAL, war. Das Ehepaar HARTUNG, Johann Christian und seine Ehefrau Justine Frederike Schroeder aus Sömmerda, zog bereits 1845 in den Comal County (ebenfalls Texas), vermutlich nach New Braunfels. Die Nachkommenschaft explodierte förmlich und Kinder und Kindeskinder verteilten sich auf über 40 Counties in mindestens 14 Staaten von Texas im Südwesten bis Virginia im Nordosten.

 

Die katholischen WILDINGs

 

So viele pfälzische WILDINGs es gab (und noch heute gibt), so viele hat es vermutlich auch in die neue Welt gezogen. Da die Wurzeln der WILDINGs aus der Region um den Donnersberg herum noch nicht genau klar sind, fällt es derzeit aber schwer, die einzelnen Auswanderer in einer klar, strukturierten Form zu dokumentieren.

 

Fangen wir dort an, wo es am einfachsten ist: Bei den Nachfahren von Michael WILDING, vermutlich 1725 in Imsbach geboren und verheiratet mit Maria Magdalena DECH. Derzeit ist von zumindest dreien seiner Altenkel bekannt, dass sie in den Westen zogen. Zwei Brüder und ein entfernter Cousin von ihnen. Da sie in den gleichen Ort in Amerika zogen, ist bei den Brüdern sicher davon auszugehen, dass sie von Ihren Auswanderungen wussten. Es ist heute aber nicht mehr nachzuvollziehen, in wiefern auch der Cousin davon wusste.

 

Betrachten wir die Einzelfälle genauer. Der bereits erwähnte Michael WILDING hatte 7 Kinder. Eine Tochter und sechs Söhne. Vom ältesten Sohn Adam WILDING, dem 3. Sohn Franz Ludwig und dem jüngsten Sohn Bernhard Nepomuk WILDING sind Nachkommen bekannt, die ausgewandert sind. Der älteste Sohn des Adam WILDING - Nikolaus WILDING - hatte aus seiner zweiten Ehe mit Maria Magdalena Zoeller einen Sohn Anton WILDING von dem gleich zwei Söhne nach Louisville, Kentucky, zogen.

 

Den Anfang machte aber Peter WILDING, der Enkel des Franz Ludwig WILDING. Es ist nicht ganz klar, wann er nach Amerika auswanderte, aber es muss definitiv vor 1843 gewesen sein, da er in dem Jahr – bereits in Belleville, Illinois angekommen – seine Frau Maria geb. KASPER heiratete. Unklar ist ferner, ob seine Mutter Catharina Elisabeth geb. JUNCKER mit in die USA kam oder nicht. Sein Vater jedenfalls lebte noch 1860 ganz in seiner Nähe.

 

Johannes WILDING, geb. ca. 1830, war wohl der Nächste, der sich auf den Weg machte, wenn er sich nicht sogar schon gemeinsam mit seinem älteren Bruder fort zog. Alle wohnten gemeinsam im Township 1, Range 8. Weitere WILDINGs in Portland, Illinois, können nicht mit deutschen Familien in Zusammenhang gebracht werden.

 

Ein weiterer Auswanderer war Peter WILDING, der Urenkel des Bernhard Nepomuk. Bereits im Jahr 1879 schiffte er sich auf der „Silesia“ nach New York ein. Dort ist er in vier Census Reports zwischen 1880 und 1930 als Einwohner von Manhatten oder Queens dokumentiert. Er heiratete die Amerikanerin Sarah Randell, Tochter eines finnischen Einwanderers und einer New Yorkerin.

 

Im Jahr 1881 folgte dann – sehr wahrscheinlich unabhängig von Peter – Ludwig WILDING, Urenkel von Adam WILDING. Er zieht schon bald nach Louisville, Kentucky. Anton erreichte die USA im Jahr 1887. Drei Jahre später folgte seine Frau mit den Kindern. Im Jahr 1900 wohnte die Familie in 409 Shelby Street in Louisville, Kentucky, weniger als 2 Kilometer von seinem jüngeren Bruder entfernt in einer Querstraße.

 

Vervollständigt wird dieses Bataillon an Auswanderern durch den Pennsilvania-Zweig der pfälzischen WILDINGs. Dessen Wurzeln verlieren sich aber bereits Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

Zusammenfassung

 

In nahezu jedem amerikanischen Bundesstaat leben seit Mitte des 20. Jahrhunderts WILDINGs. Soweit ich sehen kann lassen sich alle auf einen der beiden großen Clans in der Pfalz und Thüringen zurückführen. Dazu kommen dann noch die sizilianischen WILDINGs. Wer weiß, wer noch fehlt.

 

Fazit: Es bleibt spannend...



[1]aus „Achtundvierzig Jahre: Zeichnungen und Skizzen der Mappe eines constitutionellen Officiers“; Edmund Heusinger

 

[2]aus „Reisen in Europa, Asien und Afrika, mit besonderer Rücksicht auf die naturwissenschaftlichen Verhältnisse der betreffenden Länder, unternommen in den Jahren 1835 bis 1841: Mit einem Atlas“; Joseph Russegger

 

 

 

 

 

 

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